Markus berichtet häufiger als die anderen Evangelisten von Begebenheiten, in denen Jesus seine Jünger und andere – etwa von ihm Geheilte – anweist, seine Identität als Messias geheim zu halten (z. B. Mk 1,25.34; 1,44; 3,12; 8,29–30). Theologen nennen dies das »messianische Geheimnis«.
Warum tat Jesus das? Die damaligen Erwartungen an den Messias sahen keinen leidenden Christus vor. Die jüdische Bevölkerung erwartete einen Messias-König, der sie von der römischen Herrschaft befreien würde. Durch die Wunder und Zeichen Jesu musste eine Messias-Erwartung aufkommen – und damit eine übersteigerte Begeisterung. Hätte man Jesus vorzeitig und enthusiastisch als Messias bejubelt, hätte dies seinen Dienst behindert. Jesus kam nicht, um gefeiert zu werden, sondern um für die Menschen zu sterben und aufzuerstehen.
Ein Beispiel dafür, was geschah, wenn die Geheilten das von Jesus auferlegte Schweigen brachen, finden wir in Markus 1,40–45 (die Heilung eines Aussätzigen, hier ab Vers 43 zitiert):
Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.
Diese Geschichte ist mehr als nur ein Heilungsbericht – sie zeigt, wozu der Messias kommen sollte. Jesu Barmherzigkeit gegenüber dem Aussätzigen führte zu einem wundervollen Tausch: Der Aussätzige, der sich während seiner Krankheit nicht unter gesunden Menschen aufhalten durfte, wurde geheilt und konnte wieder in sein Dorf zurückkehren. Jesus hingegen, nun so bekannt, dass er »nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte«, musste sich »draußen an einsamen Orten« aufhalten. Ein ergreifendes Bild für den Dienst Jesu Christi: Er nahm unsere Stellung ein – die eines Sünders –, damit wir Sünder die Stellung von Gerechten einnehmen dürfen.