Manchmal geben die Autoren des Neuen Testaments an, warum sie ihr Buch oder ihren Brief geschrieben haben ( s. Joh 20,31 ).
Bei manchen Briefen wird der Anlass bzw. der Zweck nicht direkt genannt. Trotzdem können wir nachvollziehen, warum oder wozu das Buch geschrieben wurde – durch das sogenannte Mirror Reading. Dabei versucht man im Text Hinweise darauf zu finden, was die Backstory ist, also was »bisher geschehen ist« .
Es ist ein bisschen so, wie wenn man ein Telefonat mitbekommt und dabei nur eine der Seiten hört. Durch das, was einer der Teilnehmer sagt, schließen wir darauf, was am anderen Ende der Leitung passiert.
Gerade bei Büchern wie 1. und 2. Korinther, Galater, Kolosser und 1. Johannes kann es enorm hilfreich sein, den Text immer wieder durchzulesen und sich zu fragen : Was war wohl auf der anderen Seite der »Leitung« los ?
Paulus schreibt den 1. Korintherbrief unter anderem als Antwort auf einen Brief, den die Korinther zuvor ihm geschrieben hatten. Darin stellten sie ihm offensichtlich einige Fragen, die er im 1 . Korinther beantwortet.
Achte mal darauf, wie oft Paulus dort ein neues Thema in etwa so beginnt : »zu dem, wovon ihr mir geschrieben habt …« ( s. 1 Kor 7,1 ). Übung : Du könntest versuchen, so den Brief der Korinther an Paulus zu rekonstruieren.
Aber sei vorsichtig, man kann das Ganze auch übertreiben. Manche Ausleger lesen historische Backstorys in NT-liche Texte hinein, die total hypothethisch sind. Mit so einem over mirror reading kann man aus einem Text fast alles »herauslesen« .
Also : Mirror Reading ist gut und wichtig, aber mach’s richtig und halte dich an den Text und an das, was du sicher über die historischen Hintergründe wissen kannst.